#16

RE: unfertig

in Sonstiges 16.02.2018 18:17
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

Was weniger engagierten Bürgern erspart bleibt:
Zu Beginn der Achtziger gab es neonazistische Anschläge gegen mich, meine Wohnung - und stets garniert mit antisemitischen und antitürkischen Sprüchen. Es war bekennende "Wikingjugend", die im damaligen Westberlin verboten war und für den Staatsschutz (Abteilung 14) aus politischen Gründen "nicht existierte".
Nun war ich zwar keine Memme, aber die Lockerheit konnte es nehmen, wenn Hass-Anrufer sagten: "Heute kommt deine Schlampe nicht nach Hause."
Oder als mir der Mob die Wohnung stürmen wollte, nachts zum Ostersonntag und türmte, als die von Nachbarn gerufene Polizei dann kam und meinte, ich solle mich als Linker mal nicht so haben, denn "Ihr seid ja nicht besser".
Monate später fing ich mir einen der Täter, nahm sein Geständnis auf Band.


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#17

RE: unfertig

in Sonstiges 05.03.2018 00:31
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

@Richard, es lässt sich an den Hochschulen nicht alles unterbringen, was wert wäre. Und so sehr ich in meinen politischen Zeiten gegen Privat-Unis, "Elite-Unis" , Drittmittelforschung usw. Position bezog, habe ich für privat finanzierte Experimente, sofern sie sich staatlichen Abschlüssen stellen, durchaus Verständnis. - Allerdings sind Staatsexamina nicht in allen Fällen die Regel, weshalb viele Abschlüsse kaum das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben, aber das ist anderes Thema, wenngleich brisant, denn je ferner von Mathematik ;-), desto "politischer" die Anerkennung.

Im sich verschärfenden Wettbewerb um den albernen Titel "Exzellenz-Hochschule" stellen sich die Unis gern' "politisch unverdächtig" dar. Folge davon ist, dass sich in politischen Fachbereichen inzwischen mehr Mittelmaß breit machte als zu meinen Zeiten. Aber schon damals wechselten politisch Eigenwillige oft an Unis, bei denen sie es mit ihren Ansichten leichter hatten, Karriere zu machen.

Private Unternehmung ist sodann auch immer etwas Persönliches, ob es einem liegt oder nicht. So hätte ich bspw. hier und da Subventionen abgreifen können, aber lehnte Angebote und Möglichkeiten total ab, weil es zu schnell ins Betteln abdriftet. Manche betteln gerne, ich eher nicht. Allerdings gilt mir das auch für private Unternehmungen, die mir deshalb nicht auf Spendenkonzepten beruhen durften. - Die Folge daraus: Vieles bei mir bleibt "unnötig" klein. Und einiges davon wurde erst größer, wenn ich nicht mehr an Bord war.
Auch deshalb habe ich Einsehen für andere Vorgehensweisen, ohne Gesine Schwans "Humboldt-Viadrina School of Governance" überhaupt jemals begegnet zu sein, weshalb ich darüber auch nicht urteile, zumal "Insolvenz" eines spendenbasierten Konzepts weder spektakulär noch sündig sein muss - im Unterschied zu Insolvenzen, die für Kapitalbringer Rendite-Hoffnungen verknüpft wurden, wie es für die Pleiten von Lindner und Petry war. Auch das kann passieren, aber ist sündig, wenn die Risiken unzulänglich beschrieben wurden, was typisch wäre.

Ich legte nie eine Insolvenz hin, auch wenn einzelne Sachen scheiterten, glücklicherweise im Rahmen anderweitiger Erfolge, aber ich weiß halt um den "Faktor Glück" und werde schon deshalb weniger hämisch sein als es bspw. Journalisten vergönnt ist, die bloß über Risiken schreiben, mit denen sie sich nicht versuchten.

Also "Governance" sollte dort geschult werden. - Als "Altsprachler" mag ich Anglizismen nicht so sehr, weil ebenfalls Aufschneiderei (wie früher die Lateiner), aber nüchtern betrachtet - und besonders aus unserer weltbürgerlichen Perspektive - macht es immerhin Sinn, denn mit meinem Lüdenscheid-Englisch kommt die Welt kaum weiter.

"Die Absolventen sollen "für bessere Demokratie" tätig werden und zu diesem Zweck "Schlüsselfähigkeiten für ein erfolgreiches Umsetzen von Politikentwürfen" vermittelt bekommen." - Warum nicht?

Als Gasthörer des Fachbereichs Politologie an der FU-Berlin stellte sich häufig die Frage nach der praktischen Relevanz politischer Studien. Entsprechend wenig wussten viele Studis mit ihrem Fach etwas anzufangen, zumal Regierungsmacht und Opposition kein Polit-Diplom voraussetzt, sondern Talent in Sachen Klientel-Schmeichelei. - Und das mag man ja eigentlich nicht studieren bzw. erlernen wollen.
Okay, manche schon - und für die gibt es reichlich "Career-Workshops" von Werbeagenturen, die "Politikberatung" und "Imageberatung" im Angebot haben - und Parteispitzen höher im Kurs stehen als die lästige Parteibasis - in unseren nahezu durchgängigen "Wahlkampfzeiten".
Es sei denn, dass es kracht. Dann wird die Parteibasis vor seltsame Alternativen gestellt, "Erneuerung" gelobt, wie es nicht nur die SPD erwischte, sondern vor vier Jahren und demnächst wieder die FDP, im letzten Jahr die CSU und bald auch die CDU, wenngleich "Erneuerung" oft bloß Neuaufguss von Altem ist.

@Renate, der Broder trifft nicht ins Schwarze, sondern trifft allenfalls unter der Gürtellinie, wie es sein Hobby ist. Broder: "Es kostet deswegen einige Überwindung, Frau Schwan zu fragen, ob sie sich der Tiefe und Weite ihrer Feststellung eigentlich bewusst ist."

Nöö, es kostet ihn NULL "Überwindung" ;-), denn mit solchen Sprüchen kommt er zu oft, um Leute zu diffamieren. Es dann an Zitaten fest zu machen, ob und inwieweit ein Staat "Unrechtsstaat" war oder ist, kann er sich gerne gegen die DDR positionieren kann, z.B. fehlende Gewaltenteilung, "Diktatur des Proletariats" als "Demokratie" - und auch solche Diktatur noch geschwindelt, Terrorismusunterstützung usw., zumal sich alles vergleichen lässt - unter Wahrung von Gleichem und Unterschied, aber genau das mag er dann nicht, sondern tut es als "Antisemitismus" ab, sobald es um Kritik an Israel geht, denn da lautet mein Befund: Israel ist hinsichtlich des Besatzungsregimes und Eroberungstrips ein "Unrechtsstaat", was sich nicht mit dem antiisraelischen Terrorismus rausreden lässt.
Israelsolidarität hat Grenzen - und diese Grenzen hat nicht Israel festzulegen, auch nicht die Palästinenser, sondern die Vereinten Nationen, da sich die Streitparteien nicht einigen. Solche Klarstellung bleibt Broder erspart, obgleich es sein Dauerthema ist.

Kein Regime ist ohne Leichen im Keller, lässt sich halbseiden pauschalisieren, wenn es ins innen- oder geopolitische Konzept passte: Pinnochet, Schah-Regime, Franco, türkische und griechische Militärjunta - war alles kein Problem für unseren bundesrepublikanischen "Rechtsstaat" - und trotzdem freuen wir uns, hier zu leben und beklagen die Mauertoten der innerdeutschen Grenze, die zugleich Hauptfrontlinie des Ost-West-Konflikts war, weil wir mit den Toten anderswo weniger Verwandtschaft fühlen. Das ist "natürlich", aber halt eher nationalistisch als weltbürgerlich und unzulänglich für die Unterscheidung von Recht und Unrecht.


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#18

RE: unfertig

in Sonstiges 05.03.2018 00:49
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

Die "Augenhöhe"-Heulerei passt zu ihm, aber ist Unfug, denn unsere Welt braucht keine Blöcke "auf Augenhöhe", schon gar nicht unter Waffen, wie wir häufig genug knapp der Kalten Krieg überstanden.


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#19

RE: unfertig

in Sonstiges 10.03.2018 12:34
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

Ungeschickt, wie sich derweil die US-Regierung äußerte, aber leider passend zu Trump.
Vielleicht muss man es nicht verstehen, aber Begreifen kann helfen, dass auch Trumps Erfolg als Kaufmann auf Methoden beruht, die den "schlechten Kaufmann" auszeichnen. Eine davon, dass er seine Pleiten nur dadurch abzuwenden wusste, indem er seinen Gläubigern Konkurs androhte und scheibchenweise zum Forderungsverzicht zwang. Und das machte er mehrfach. Freilich nicht nur seine Schuld, sondern Gier auch seines Umfelds.


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#20

RE: unfertig

in Sonstiges 18.03.2018 19:13
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

+++ Zum Giftstreit zwischen Kreml und Downing Street

"Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht." - So einfach dürfen es sich Richter nicht machen, wenn sie keinem Befangenenheitsantrag erliegen wollen.

Der Kreml log balkenbiegend, als russische Soldaten ohne Armee-Kennzeichnung auf der Krim einen "Volksaufstand" inszenierten.
Dafür gab es Sanktionen. Und die sind berechtigt, wenngleich sich fragt, was sie bringen, wen sie treffen, wem sie nutzen.

Downing Street log balkenbiegend, als dem Diktator Saddam Hussein unterstellt wurde, "binnen 20 Minuten einen Angriff mit Massenvernichtungswaffen" führen zu können.
Der Irak wurde zerstört, die Region ins Chaos gestürzt. Wir haben davon einen Teil der Flüchtlinge.
Keine Sanktionen und die Kriegsverbrecher erfreuen sich ihrer Pensionen.


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#21

RE: unfertig

in Sonstiges 21.03.2018 02:53
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

Werter Herr Dobrindt, "Fakt ist, wir sind ein DEMOKRATISCHES Land."

Dass Deutschland "christlich" sei, ist schon falsch

lässt sich nicht nur an Kirchtürmen darüber ließe sich streiten, denn Jesus war nicht für Waffenhandel bekannt und auch nicht dafür, Anklopfenden die Tür zu verrammeln.
Sie sprechen von "überwältigender" Mehrheit - und meinen sicherlich "überwiegende" Mehrheit, denn zu "überwältigen" hat eine demokratische Mehrheit nicht. Aber genau das ist die Logik Ihres Spruchs, wenn Sie Mehrheit gegen Minderheiten instrumentalisieren.

Sinn von Mehrheit ist das Regieren für alle und nicht gegen die Minderheit. - Ich weiß, wie schwierig das ist, aber trotzdem müssen Sie zwischen Parlament und Gesellschaft unterscheiden: Im Parlament mag das Gegeneinander von Regierung und Opposition Geschäftsgrundlage sein, aber das Regieren eines Landes muss sich davon extrem unterscheiden, .


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#22

RE: unfertig

in Sonstiges 21.03.2018 03:28
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

@ Hr. Bonnenberg, Sie übertreiben, denn Patriotismus mag zwar nette Sache sein, aber mich besorgt es eher, denn die Grenze zwischen Patrioten und Idioten ist leichter überwunden als das Mittelmeer mit dem Schlauchboot.

noch Identifikation mit der deutschen Geschichte sind Voraussetzung für (gute) Staatsbürgerlichkeit.

Ansonsten machen Sie mich schlecht, denn ich fühle mich aus familiären und politischen Gründen tatsächlich mehr als "Weltbürger mit dt. Heimat und Staatsangehörigkeit"..

Liebste Teile meiner Familie "identifizieren" sich ganz und gar nicht mit der dt. Geschichte und dem dt. Patriotismus, sondern fürchten ihn.


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#23

RE: unfertig

in Sonstiges 22.03.2018 01:56
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

Okay, im Aufruf heißt es, man solle in die Kommentarspalte schreiben, warum an Ostermärschen teilgenommen werden sollte. Das will ich gerne tun.

Liebe @Kathi, das ist wahr und richtig, zumal nach zwei von Deutschland zu verantwortenden Weltkriegen an Deutschland erhöhte Erwartungen zu stellen sind > Katastrophenwehr.de < ,
aber vielleicht verstehe ich mich zu wenig als Deutscher und mehr als Weltbürger, dass es zum "Stopp-Sagen" allenfalls sekundär darauf ankommt, ob es deutsche, russische, französische, sonstige Waffen waren, mit denen politische und kriminelle Ziele verfolgt werden und Menschen töten.


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#24

RE: unfertig

in Sonstiges 22.03.2018 19:25
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

"Wahr" aber auch:
- Das Grundvertrauen in Politik wird weniger durch Verschwörungsfaker gestört als durch reale Verschwörungen, die bspw. der Weltöffentlichkeit "Beweise" für das Vorhandensein irakischer Massenvernichtungswaffen vorlegten, um einen Krieg zu beginnen, der die gesamte Region ins Chaos stürzte.
- Das Grundvertrauen in staatliche Institutionen wurde und wird durch Geheimdienste gestört, die sich "Erkenntnisse" statt mit verdeckten Ermittlern lieber von fest in der extremistischen Szene verankerten "Informanten" zutragen lassen und sich bspw. im Falle der NSU-Mordserie der teils versehentlichen Beihilfe, zumindest aber der wissentlichen Verdeckung von Straftaten verdächtig machten, indem die eigene Schlamperei und Mitverantwortung durch Aktenschreddern behindert und verhindert wurden.


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#25

RE: unfertig

in Sonstiges 25.03.2018 06:09
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

Sehe ich auch so, dass es Sinn machen kann, wenn nicht alle wie Diplomaten reden, wenn es schärfere Töne im Hintergrund gibt, wenn vorne zu sehr geschmeichelt wird, wie es auch andersherum Sinn machen kann.

Unsere Welt ist kompliziert,
es einerseits innenpolitisch mit einem "Heimatminister" zu tun zu haben, der Deutschland zu einem christlich geprägten Gottesstaat gegen Muslime verklärt und die pluralistische Prägung durch die Aufklärung unterschlägt,
es andererseits außenpolitisch mit einem Handel konfrontiert zu sein, der sich für Menschenrechte weniger interessiert als für Umsätze oder nur dann und bis hin zum Krieg, wenn es dem Wettbewerb dient, gefährliche Allianzen unterhaltend oder wechselnd - und alles aus Opportunität, die sich als kurzfristig erweisen.

Alles hat Zusammenhang - so scheint es mitunter und ist es oft nur zum Teil im Nebeneinander. Der schiitisch-sunnitsche Konflikt ist desaströs, verführt manchen auch zur unredlichen Hoffnung, "Lachender Dritter" sein zu können.

In solcher Welt allgemein richtige Worte zu finden, ist schwierig.


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#26

RE: unfertig

in Sonstiges 30.03.2018 15:45
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

Ich würde da mal zwischen blöderen und gescheiteren Religiösen unterscheiden, wobei es entgegen Dieters Tenor allerdings unterschiedslos ist, ob von Juden, Christen, Muslimen, Hindus & Co. die Rede ist:
Die Blöderen bezeichnen Andersgläubige als "Ungläubige", obgleich wissend, dass sie nicht "ungläubig", sondern "andersgläubig" sind.
Drum würden die Gescheiteren eher von "Andersgläubigen" sprechen - und tun es auch.

Allen Religiösen ist dennoch gleich, dass sie im Glauben des Richtigglaubens seien, wie auch ich als Atheist meine Weltanschauung für richtig halte und andere Weltanschauungen für falsch. Allenfalls Spielraum, denn man kann sich der eigenen Richtigkeit gewisser oder ungewisser sein. Die Selbstgewissheit und das Urteil über andere sollte in unserem Land kein Problem sein, denn wir haben die grundgesetzliche Bekenntnisfreiheit. Und desgleichen als Menschenrecht durch diverse Abkommen weltweit, woran sich vielerorts nicht gehalten wird.

Zum Problem wird es erst, wenn das Andersdenken politisch diskriminiert wird. Das wird dem Koran von Nichtmuslimen zum Vorwurf gemacht und scheint wiederum Alibi für einige "Trotz-Christen" hierzulande, deshalb Muslime diskriminieren zu wollen, indem behauptet wird, deren Religion gehöre nicht zu Deutschland.

Wer Klarstellung behauptet, wie jetzt grad wieder Bosbach behauptet und jegliche Gegenargumentation ignoriert, obgleich ihm gefühlt tausendfach in Talkshows und anderswo begegnet, kann allenfalls folgendes sagen:
Das archaische Menschenbild von Bibel und Koran ist für unsere auf rechtliche Gleichheit angelegte Gesellschaftsordnung nicht anwendbar.


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zuletzt bearbeitet 30.03.2018 16:05 | nach oben springen

#27

RE: unfertig

in Sonstiges 02.04.2018 12:31
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

In anderem Sinne befürworte ich "geostrategischen Rechtspopulismus", nämlich
- "geostrategisch", was ein Tun und Ziele voraussetzt, die als weltpolitisch planvolles Tun und Zielen,
- "Rechts" im Sinne gemeinsamer Standards,
- "Populismus" im Sinne gemeinsamer Menschheitsinteressen, denen sich nationale Interessen nachzuordnen haben.

Also "Planet First", aber "Geostrategie" der Rechtspopulisten das Gegenteil und leider wird alles


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#28

RE: unfertig

in Sonstiges 02.04.2018 13:34
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

@Bast, da sind viele Sachen drin, die wir beide gleich sehen. Auch die inhaltlichen Differenzen werden auszuräumen sein, weil auf Ebene von Logik.
Komplizierter wird vermutlich erst, wenn es um das materielle Schlachtfeld und die Friedensordnung geht.

Aber anzufangen mit sei mit der Denkart.

"Wie die Forderung einer Welt ohne Antisemitismus diesen fördert erschließt sich mir nicht."
So lautete meine These auch nicht, sondern dass solcher Tag nicht abgewartet werden kann. - Nun werden wir übereinstimmen.

"Dass es ihn provoziert mag sein, aber was provoziert Antisemitinnen nicht?"
Jenau so isses und hat immer wieder meine spontane Zustimmung, als hätte ich es mir nicht schon oft und systematisch anders durchdacht, aber wir bleiben Gefühlswesen, auch wenn wir Erfordernisse in Richtung Logik einsehen.

Also: Dass Antisemiten auch in bestem Tun und Reden bloß Falle sehen, muss berücksichtigt sein, aber würde zu Fehlschlüssen führen, wenn wir Antisemitismus und Antisemiten für gleichermaßen unabänderlich hielten.

Der Antisemitismus ist unabänderlich, wenngleich mit Dynamik antisemitischen Erfindungsgeistes, wie er jeglicher Feindschaft eigen ist.

Die Antisemiten sind bekehrbar, mit Ausnahme derer, die man aus falsch verstandener Liberalität davon leben lässt oder die man vorerst nicht hindern kann, aus dem Antisemitismus ein Geschäftsmodell zu fahren. Deren ideologische Korruptheit steht und fällt allerdings mit der Existenz oder Zunichtemachung des Geschäftsmodells.

Warum sind Antisemiten bekehrbar?
a) Weil Menschen,
b) weil wir die besseren Argumente haben,
c) weil wir genug Macht haben, den Antisemitismus nicht bloß in die Schranken zu weisen, sondern auch zurückdrängen können, wenn wir uns nicht zur Misanthropie verführen lassen. - Ich vermute, wir stimmen überein.

Dass "ein historisch singuläres Verbrechen eben singuläre Konsequenzen" erforderlich machen kann, ist dennoch kein Ausnahme, sondern Regelfall allen vernünftigen Rechts, ob nun im Umgang mit schlimmsten oder weniger schlimmen Verbrechen.
Nur leichtesten Vergehen genügen pauschale Bußbescheide.

Warum sage ich solch' Banalkrams?
Weil es um Prinzipien gehen muss, die sich besser für gemeinsames Agieren eignen, als wenn man annehmen dürfte, es komme aus Gründen von Einmaligkeiten weniger auf einzuhaltende Prinzipien an.

Du mutmaßt, dass die damalige UNO nur deshalb für Israel stimmte, weil es erst wenige und mehrheitlich demokratische Mitgliedsstaaten waren.
Okay, an der These ist viel dran, wenngleich wir beobachten können, dass auch Demokratien längst kein Garant für menschenrechtlich oder völkerrechtlich richtige Entscheidungen sind, sondern mit oder auch gegen innere Mehrheiten zu sehr schlimmen Rechtsbrüchen fähig.

Ich vermute anders, dass unter dem frischen Eindruck der Shoa die Entscheidung zugunsten Israels auch mit der heutigen Anzahl an Mitgliedsstaaten erfolgt wäre, während Du m.E. den seitherigen Sinneswandel in der Welt unterschätzt, der aus Israels fortdauernder Besatzungspolitik resultiert.

Dieser Sinneswandel Richtung Kritik an Israels geht inzwischen längst auch in die Verlautbarungen und Gesellschaften der Verbündeten ein, wenngleich überlagert davon, dass man Israel die weitere Expansion ("Siedlungspolitik") durchgehen lässt, weil Israel politisch und militärisch in allerlei sonstiger Weltrivalität auf Seiten des Westens steht.

Netanjanu ist m.E. der typische Doppelsprech, wenn einerseits Wahlkampf macht, wie einsam Israel sei und deshalb besonders auf der Hut sein müsse, andererseits aber im Westen mit dem Slogan tourt, Israel sei Vorposten der Nato, westlicher Werte und Demokratie.
.
Während ich wiederum meine, dass Israel in solcher Rolle und Selbstwahrnehmung keine Chance hat, in der Nachbarschaft friedlich irgendwann anzukommen, zumal auch nicht "demokratisch" ist, was man den Palästinensern an Besatzung und Annexion zumutet.

"Sein Volk war und ist noch immer von völliger Auslöschung bedroht."

Nein, ist es wirklich nicht. Allenfalls im Kontext völliger Auslöschung der Menschheit, wie uns jederzeit versehentlich vor allem aus der atomaren Rivalität zwischen den USA, Russland und China ereilen kann.

Albert Einstein hat es am trefflichsten diagnostiziert und Konsequenzen gefordert, wie auch ich sie fordere: Die Wahrung des Friedens hat letztinstanzliches und militärisches Monopol der Vereinten Nationen zu sein, nicht mehr der Nationen, denen der Krieg ansonsten "Fortsetzung von Politik" und "Ultima ratio" bleibt.

Aber nicht missverstehen, denn solange kein UNO-Streitkräftemonopol ist, werde ich keinem Land, erst recht nicht Israel, die militärische Selbstverteidigung absprechen.

Legitim ist das antiquierte Selbstverteidigungskonzept jedoch nur in dem Maße, wie auf die Durchsetzung des völkerrechtlichen UNO-Gewaltmonopols hin gearbeitet wird.

Und diese Legitimation verliert sich im Umkehrschluss, je mehr man sich gegen die Vereinten Nationen sperrt, wie es Israel macht, wie es Nordkorea macht, wie es Russland macht, wie die Nato macht, sobald ihnen aus Gründen von Rivalitäten die UNO-Instrumentalisierung zu misslingen scheint. Das alles ist völkerrechtswidrig und verletzt die Pflichten aus der UNO-Charta.

"Ich kann nicht anders, als ihm ein unbedingtes Selbstverteidigungsrecht zuzugestehen."
Hmm. Lasse das "unbedingt" weg, denn wahre Loyalität kann keine blinde Gefolgschaft sein, zumal Du selbst eine Rechtfertigungsreihenfolge anfügst.

"Bedingungslosigkeit" ist tiefes Bedürfnis, aber ätzend. Und Verhältnismäßigkeit muss immer sein.

Und Deine Rechtfertigungsreihenfolge ist zu typisch für unser kriegerisches Denken, denn sie müsste genau umgekehrt sein. Also die Rechtfertigung ist zunächst dem Feind geschuldet, dann den Verbündeten, dann der eigenen Horde (Partei, Wähler usw.).

In unserer Realität ist es leider so, wie Du es reihtest,
- weil die Macht kommt vom Wähler, dem man sich zwecks Wiederwahl einschleimen muss,
- dann den Verbündeten, sofern man sie braucht
- und wer sich zuvörderst dem Feind genehm zu machen bemüht, wie ich es fordere, wird "Verräter" geschimpft.

So lässt sich zwar die eigene Macht sichern und Fortdauer des Konflikts, aber kein Frieden erreichen, es sei denn durch Sieg oder Niederlage.

"Aber auch die (Wohlgesonnenen) haben die Shoa nicht verhindert."

Stimmt. Unverzeihlich. Also keine Vergebung.

Solche Verbrechen und anderes Unheil waren ursprünglichste Gründe meines aus kindlich-religiöser Verzweiflung entstandenen Atheismus. Aber politisch hat man noch keinen Vorteil daraus.

Politischer (und geschichtlicher) ist, dass man sich treiben ließ, nicht alle Register zog, eine deutlich sichtbare Entwicklung zu stoppen und umzukehren.
Und wieder lag es am Festhalten an antiquierter Nationalsouveränität, während der ehemalige US-Präsident Woodrow Wilson mit seinem 14-Punkte-Plan einen ganz anderen Völkerbund wollte, nicht solchen, wie er als Versailler Vertrag Deutschland überforderte und dem deutschen Revanchismus Auftrieb verschaffte.
Ein Großteil Europas wurde von Rechtspopulisten regiert, mehrere Länder von Faschisten und im Osten Stalin.

Solch' Europa taugte schlecht, um Deutschland zu stoppen und Juden zu retten. Die USA sahen Japan schon seit 1937 imperialistisch durchticken. Washington konnte 1939 nicht sehr erpicht darauf sein, an alsbald zwei Fronten zu kämpfen.
Aber es kam, wie es kommen musste, dass sich die erfolgreichen Räuber nicht wegbeten ließen.
Und dann war es für 50 oder 60 Mio. Menschenleben zu spät - und die Befreiung der Shoa-Überlebenden weniger Schlacht als ein Gefecht um einen Brückenkopf.

Mit der UNO wollte man daraus lernen, aber der völkerrechtswidrige Missbrauch des Vetorechts lähmt die Organisation und machte weitere Völkermorde möglich.
Eine yesidische Familie ist unter einem meiner Dächer - und wird es Arabern nicht vergessen können.
Im selben Haus ein syrischer Dissident. Das hilft etwas für den Neuanfang, aber Vergebung darf niemand erwarten.

Auch der Welt kann nicht vergeben werden, die zugesehen hat. Bis auf die Kurden, zu denen sich die Jesiden zählen - und nun vom Westen gegenüber Erdogan im Stich gelassen werden.

Du reklamiertest, dass Israel Empörung erntet, während "Dafur" usw. keinen vom Hocker holt.
Stimmt, solch' selektives Interesse darf verdächtig sein, zumal "Selektion" als Erinnerung.

Aber a) es ist nicht per se falsch, wenn sich jemand auf ein Problem konzentriert, ansonsten dürfte sich meine Frau nicht um Vogelschutz kümmern, sondern müsste Robben auf Grönland retten - und hätte vom einzelnen Problem weniger Ahnung.

b) Die Kritisierten merken oft nicht, dass ein Kritisierender andere in gleicher Weise kritisiert, weil die Kritisierten sich zu sehr für ihren eigenen Konflikt interessieren und übersehen, worin sich Konflikte gleichen.

c) Interesse am Desinteresse hat oft nur, wer unkritisiert Mist bauen will. Darum dürfen wir in viele Länder gar nicht erst reinschauen, während sich Israel auf die Wertegemeinschaft beruft, folglich auch schuldet.

Und aller an Juden begangenen Verbrechen zum Trotz, können israelische Expansionisten daraus keinen Bonus auf Unkorrektheit beanspruchen, wie sie es praktisch tun, wenngleich bestreitend, aber zugleich auf Sünden anderer hinweisen, z.B. Tibet, als sei daraus Völkerrecht oder jemand in der Lage, dort die Geschichte umzukehren.

Wahr ist: Die USA, Russland und China können einander kaum stoppen, ohne gemeinsamen Untergang.
Die Großen laufen zu lassen und bloß die Kleinen zu greifen, sofern keine Großen dahinter stehen, ist nicht schön, aber legitim.
Denn wenn bzw. solange Gerechtigkeitschaffung unmöglich ist, macht sich am Unrecht niemand schuldig außer denen, die es begehen.

Netanjahu weiß sich allerdings in starker Allianz, wird allseits aufgerüstet, hat Atomwaffen - und hat Grund zur Hoffnung, dass "geschaffene Fakten" Israel dauerhaft verbleiben - und dann möglichst viel, denn es sind nicht wenige Stimmen, denen sich hinter der "Judäischen Wüste" die "natürliche Grenze Israels zu Jordanien" verortet.
Und bloß noch: "Wohin mit den Palästinensern?" - Restgebiete staatsuntauglich machen. Dann erledigt es sich.
Das sind ernstgemeinte Ansichten von Leuten, die mich zum "Selbstverteidigungsrecht Israels" belehren wollen.

Hilfsweise erinnert man mich, dass in Israel viele Araber leben - und mir könne nicht daran gelegen sein, dass Jericho "judenfrei" werde.
Richtig, aber das geht am Problem vorbei, dass es nicht zur staatlichen Expansion berechtigt.

Weil ich mir aber aus prinzipiellen Gründen den Glauben an die Vernunft nicht nehmen lasse, werde ich bis zum Beweis des Gegenteils darauf pochen, dass Gerechtigkeit widerfährt und Unrecht nicht lohnt.

Womit ich beim Schluss angelangt bin ;-) Was ich mir Nahost-Friedensplan denke:

Am liebsten wäre mir frisch-fröhlich--multikulturelles Miteinander von Juden und Arabern in einem gemeinsamen Staat Israel oder kombinierten Staat Israel-Palästina.
Aber das scheint zu unrealistisch, denn fernab von UNO-Resolutionen und dem Willen der Konfliktparteien, ist folglich kein Friedensplan.

Deshalb mein Festhalten an Zweistaatlichkeit dergestalt,

- dass der Palästinenserstaat von der UNO überwacht entmilitarisiert wird, allgemeines Schusswaffenverbot mit Ausnahme polizeilicher Erfordernisse,

- dass der Palästinenserstaat in seinen Teilen durch eine Transitstrecke verbunden wird,

- dass Israel die völkerrechtswidrigen Eroberungen (seit 1967) rückgängig macht, die "Siedlungen" entweder unzerstört an den Palästinenserstaat übergibt oder dem Palästinenserstaat übergibt,

- dass Israel Ostjerusalem einer palästinensischen Verwaltung überlässt, ganz gleich, welche Fahnen dort wehen - mit Ausnahme solcher, die dem israelischen Staat das Existenzrecht bestreiten, also nichts wie HAMAS & Co., die es ans Völkerrecht zu gewöhnen gilt.

- Was den Rückkehranspruch von Palästinensern nach Israel anbelangt, fehlt es m.E. an politischen Voraussetzungen dafür, weshalb mir auch die aktuellen Demos der Palästinenser missfallen, weil Rückkehr setzt ein Maß an Versöhnung voraus, wie es auf lange Sicht unwahrscheinlich ist.
Versöhnung setzt die Realisierung der vorgenannten Friedensregelungen weit voraus.
Also eingeschobene Floskel: Erst Frieden, dann Versöhnung. Wer umgekehrt denkt, der träumt oder schwindelt, um nichts zu erreichen.

Aber auch nach Frieden und Versöhnung (Versöhnung i.S.v. Neuanfang) dürfte die Rückkehr so vieler Palästinenser Israel kaum möglich sein, auch nicht Aufnahme im Gaza-Streifen und Westjordangebiet, weshalb überlegt werden müsste, heimatlosen Palästinensern in anderen Ländern Heimat anzubieten.
Insbesondere Deutschland sehe ich in solcher Pflicht daraus, dass Palästinenser durch die von Deutschen verschuldete Shoa in unzulässige Mithaftung gerieten.

Nun mag ich zu fortgeschrittener Stunde mal flapsig sein, zumal ich weiß, dass Herr Seehofer "Obergrenzen" will und Gauland keinen muslimischen Nachbarn. Drum müsste man zunächst für Gauland eine andere Unterbringung finden und dem Seehofer zusagen, dass mit Vollzug der Zweistaatlichkeit fünf Jahre maximal 200.000 Palästinenser pro Jahr zuwandern und ansonsten nur Superhärtefälle, weil besondere Verantwortung für den Nahostfrieden.

Würden mehr Palästinenser migrieren wollen, müssten auch mit Herrn Trump geredet werden, denn die USA tragen viel Mitverantwortung dafür, dass der Nahostkonflikt noch nicht erledigt ist.
Die arabischen Staaten, allen voran Syrien, Ägypten, Jordanien stehen ebenfalls in der Pflicht, vor allem wegen der Kriege, aber sie nahmen auch viele Flüchtlinge auf, die dann sämtlich zu integrieren wären.

Der enthaltene Sarkasmus in eigentlich zu ernster Sache macht dieses Posting zum "weniger offiziellen Dokument" ;-)

@Bast, Du spieltest den Friedensplan-Ball zwar zurück, was ja keineswegs illegitim ist, aber nun sei so nett & skizziere Deinen.


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zuletzt bearbeitet 03.04.2018 01:53 | nach oben springen

#29

RE: unfertig

in Sonstiges 03.04.2018 04:18
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

@Bast, da sind viele Sachen drin, die wir beide gleich sehen. Auch die inhaltlichen Differenzen werden auszuräumen sein, weil auf Ebene von Logik.
Komplizierter wird vermutlich erst, wenn es um das materielle Schlachtfeld und die Friedensordnung geht.

Aber anzufangen mit sei mit der Denkart.

"Wie die Forderung einer Welt ohne Antisemitismus diesen fördert erschließt sich mir nicht."
So lautete meine These auch nicht, sondern dass solcher Tag nicht abgewartet werden kann. - Nun werden wir übereinstimmen.

"Dass es ihn provoziert mag sein, aber was provoziert Antisemitinnen nicht?"
Jenau so isses und hat immer wieder meine spontane Zustimmung, als hätte ich es mir nicht schon oft und systematisch anders durchdacht, aber wir bleiben Gefühlswesen, auch wenn wir Erfordernisse in Richtung Logik einsehen.

Also: Dass Antisemiten auch in bestem Tun und Reden bloß Falle sehen, muss berücksichtigt sein, aber würde zu Fehlschlüssen führen, wenn wir Antisemitismus und Antisemiten für gleichermaßen unabänderlich hielten.

Der Antisemitismus ist unabänderlich, wenngleich mit Dynamik antisemitischen Erfindungsgeistes, wie er jeglicher Feindschaft eigen ist.

Die Antisemiten sind bekehrbar, mit Ausnahme derer, die man aus falsch verstandener Liberalität davon leben lässt oder die man vorerst nicht hindern kann, aus dem Antisemitismus ein Geschäftsmodell zu fahren. Deren ideologische Korruptheit steht und fällt allerdings mit der Existenz oder Zunichtemachung des Geschäftsmodells.

Warum sind Antisemiten bekehrbar?
a) Weil Menschen,
b) weil wir die besseren Argumente haben,
c) weil wir genug Macht haben, den Antisemitismus nicht bloß in die Schranken zu weisen, sondern auch zurückdrängen können, wenn wir uns nicht zur Misanthropie verführen lassen. - Ich vermute, wir stimmen überein.

Dass "ein historisch singuläres Verbrechen eben singuläre Konsequenzen" erforderlich machen kann, ist dennoch kein Ausnahme, sondern Regelfall allen vernünftigen Rechts, ob nun im Umgang mit schlimmsten oder weniger schlimmen Verbrechen.
Nur leichtesten Vergehen genügen pauschale Bußbescheide.

Warum sage ich solch' Banalkrams?
Weil es um Prinzipien gehen muss, die sich besser für gemeinsames Agieren eignen, als wenn man annehmen dürfte, es komme aus Gründen von Einmaligkeiten weniger auf einzuhaltende Prinzipien an.

Du mutmaßt, dass die damalige UNO nur deshalb für Israel stimmte, weil es erst wenige und mehrheitlich demokratische Mitgliedsstaaten waren.
Okay, an der These ist viel dran, wenngleich wir beobachten können, dass auch Demokratien längst kein Garant für menschenrechtlich oder völkerrechtlich richtige Entscheidungen sind, sondern mit oder auch gegen innere Mehrheiten zu sehr schlimmen Rechtsbrüchen fähig.

Ich vermute anders, dass unter dem frischen Eindruck der Shoa die Entscheidung zugunsten Israels auch mit der heutigen Anzahl an Mitgliedsstaaten erfolgt wäre, während Du m.E. den seitherigen Sinneswandel in der Welt unterschätzt, der aus Israels fortdauernder Besatzungspolitik resultiert.

Dieser Sinneswandel Richtung Kritik an Israels geht inzwischen längst auch in die Verlautbarungen und Gesellschaften der Verbündeten ein, wenngleich überlagert davon, dass man Israel die weitere Expansion ("Siedlungspolitik") durchgehen lässt, weil Israel politisch und militärisch in allerlei sonstiger Weltrivalität auf Seiten des Westens steht.

Netanjanu ist m.E. der typische Doppelsprech, wenn einerseits Wahlkampf macht, wie einsam Israel sei und deshalb besonders auf der Hut sein müsse, andererseits aber im Westen mit dem Slogan tourt, Israel sei Vorposten der Nato, westlicher Werte und Demokratie.
.
Während ich wiederum meine, dass Israel in solcher Rolle und Selbstwahrnehmung keine Chance hat, in der Nachbarschaft friedlich irgendwann anzukommen, zumal auch nicht "demokratisch" ist, was man den Palästinensern an Besatzung und Annexion zumutet.

"Sein Volk war und ist noch immer von völliger Auslöschung bedroht."

Nein, ist es wirklich nicht. Allenfalls im Kontext völliger Auslöschung der Menschheit, wie uns jederzeit versehentlich vor allem aus der atomaren Rivalität zwischen den USA, Russland und China ereilen kann.

Albert Einstein hat es am trefflichsten diagnostiziert und Konsequenzen gefordert, wie auch ich sie fordere: Die Wahrung des Friedens hat letztinstanzliches und militärisches Monopol der Vereinten Nationen zu sein, nicht mehr der Nationen, denen der Krieg ansonsten "Fortsetzung von Politik" und "Ultima ratio" bleibt.

Aber nicht missverstehen, denn solange kein UNO-Streitkräftemonopol ist, werde ich keinem Land, erst recht nicht Israel, die militärische Selbstverteidigung absprechen.

Legitim ist das antiquierte Selbstverteidigungskonzept jedoch nur in dem Maße, wie auf die Durchsetzung des völkerrechtlichen UNO-Gewaltmonopols hin gearbeitet wird.

Und diese Legitimation verliert sich im Umkehrschluss, je mehr man sich gegen die Vereinten Nationen sperrt, wie es Israel macht, wie es Nordkorea macht, wie es Russland macht, wie die Nato macht, sobald ihnen aus Gründen von Rivalitäten die UNO-Instrumentalisierung zu misslingen scheint. Das alles ist völkerrechtswidrig und verletzt die Pflichten aus der UNO-Charta.

"Ich kann nicht anders, als ihm ein unbedingtes Selbstverteidigungsrecht zuzugestehen."
Hmm. Lasse das "unbedingt" weg, denn wahre Loyalität kann keine blinde Gefolgschaft sein, zumal Du selbst eine Rechtfertigungsreihenfolge anfügst.

"Bedingungslosigkeit" ist tiefes Bedürfnis, aber ätzend. Und Verhältnismäßigkeit muss immer sein.

Und Deine Rechtfertigungsreihenfolge ist zu typisch für unser kriegerisches Denken, denn sie müsste genau umgekehrt sein. Also die Rechtfertigung ist zunächst dem Feind geschuldet, dann den Verbündeten, dann der eigenen Horde (Partei, Wähler usw.).

In unserer Realität ist es leider so, wie Du es reihtest,
- weil die Macht kommt vom Wähler, dem man sich zwecks Wiederwahl einschleimen muss,
- dann den Verbündeten, sofern man sie braucht
- und wer sich zuvörderst dem Feind genehm zu machen bemüht, wie ich es fordere, wird "Verräter" geschimpft.

So lässt sich zwar die eigene Macht sichern und Fortdauer des Konflikts, aber kein Frieden erreichen, es sei denn durch Sieg oder Niederlage.

Darum reicht die "nationaldemokratische" Ebene für die Außenpolitik (Weltinnenpolitik) nicht aus.
Darum braucht es die Legitimationsebene auf Basis einer demokratisch reformierten UNO.

"Aber auch die (Wohlgesonnenen) haben die Shoa nicht verhindert."

Stimmt. Unverzeihlich. Also keine Vergebung.

Solche Verbrechen und anderes Unheil waren ursprünglichste Gründe meines aus kindlich-religiöser Verzweiflung entstandenen Atheismus. Aber politisch hat man noch keinen Vorteil daraus.

Politischer (und geschichtlicher) ist, dass man sich treiben ließ, nicht alle Register zog, eine deutlich sichtbare Entwicklung zu stoppen und umzukehren.
Und wieder lag es am Festhalten an antiquierter Nationalsouveränität, während der ehemalige US-Präsident Woodrow Wilson mit seinem 14-Punkte-Plan einen ganz anderen Völkerbund wollte, nicht solchen, wie er als Versailler Vertrag Deutschland überforderte und dem deutschen Revanchismus Auftrieb verschaffte.
Ein Großteil Europas wurde von Rechtspopulisten regiert, mehrere Länder von Faschisten und im Osten Stalin.

Solch' Europa taugte schlecht, um Deutschland zu stoppen und Juden zu retten. Die USA sahen Japan schon seit 1937 imperialistisch durchticken. Washington konnte 1939 nicht sehr erpicht darauf sein, an alsbald zwei Fronten zu kämpfen.
Aber es kam, wie es kommen musste, dass sich die erfolgreichen Räuber nicht wegbeten ließen.
Und dann war es für 50 oder 60 Mio. Menschenleben zu spät - und die Befreiung der Shoa-Überlebenden weniger Schlacht als ein Gefecht um einen Brückenkopf.

Mit der UNO wollte man daraus lernen, aber der völkerrechtswidrige Missbrauch des Vetorechts lähmt die Organisation und machte weitere Völkermorde möglich.
Eine yesidische Familie ist unter einem meiner Dächer - und wird es Arabern nicht vergessen können.
Im selben Haus ein syrischer Dissident. Das hilft etwas für den Neuanfang, aber Vergebung darf niemand erwarten.

Auch der Welt kann nicht vergeben werden, die zugesehen hat. Bis auf die Kurden, zu denen sich die Jesiden zählen - und nun vom Westen gegenüber Erdogan im Stich gelassen werden.

Du reklamiertest, dass Israel Empörung erntet, während "Dafur" usw. keinen vom Hocker holt.
Stimmt, solch' selektives Interesse darf verdächtig sein, zumal "Selektion" als Erinnerung.

Aber a) es ist nicht per se falsch, wenn sich jemand auf ein Problem konzentriert, ansonsten dürfte sich meine Frau nicht um Vogelschutz kümmern, sondern müsste Robben auf Grönland retten - und hätte vom einzelnen Problem weniger Ahnung.

b) Die Kritisierten merken oft nicht, dass ein Kritisierender andere in gleicher Weise kritisiert, weil die Kritisierten sich zu sehr für ihren eigenen Konflikt interessieren und übersehen, worin sich Konflikte gleichen.

c) Interesse am Desinteresse hat oft nur, wer unkritisiert Mist bauen will. Darum dürfen wir in viele Länder gar nicht erst reinschauen, während sich Israel auf die Wertegemeinschaft beruft, folglich auch schuldet.

Und aller an Juden begangenen Verbrechen zum Trotz, können israelische Expansionisten daraus keinen Bonus auf Unkorrektheit beanspruchen, wie sie es praktisch tun, wenngleich bestreitend, aber zugleich auf Sünden anderer hinweisen, z.B. Tibet, als sei daraus Völkerrecht oder jemand in der Lage, dort die Geschichte umzukehren.

Wahr ist: Die USA, Russland und China können einander kaum stoppen, ohne gemeinsamen Untergang.
Die Großen laufen zu lassen und bloß die Kleinen zu greifen, sofern keine Großen dahinter stehen, ist nicht schön, aber legitim.
Denn wenn bzw. solange Gerechtigkeitschaffung unmöglich ist, macht sich am Unrecht niemand schuldig außer denen, die es begehen.

Netanjahu weiß sich allerdings in starker Allianz, wird allseits aufgerüstet, hat Atomwaffen - und hat Grund zur Hoffnung, dass "geschaffene Fakten" Israel dauerhaft verbleiben - und dann möglichst viel, denn es sind nicht wenige Stimmen, denen sich hinter der "Judäischen Wüste" die "natürliche Grenze Israels zu Jordanien" verortet.
Und bloß noch: "Wohin mit den Palästinensern?" - Restgebiete staatsuntauglich machen. Dann erledigt es sich.
Das sind ernstgemeinte Ansichten von Leuten, die mich zum "Selbstverteidigungsrecht Israels" belehren wollen.

Hilfsweise erinnert man mich, dass in Israel viele Araber leben - und mir könne nicht daran gelegen sein, dass Jericho "judenfrei" werde.
Richtig, aber das geht am Problem vorbei, dass es nicht zur staatlichen Expansion berechtigt.

Weil ich mir aber aus prinzipiellen Gründen den Glauben an die Vernunft nicht nehmen lasse, werde ich bis zum Beweis des Gegenteils darauf pochen, dass Gerechtigkeit widerfährt und Unrecht nicht lohnt.

Womit ich beim Schluss angelangt bin ;-) Was ich mir Nahost-Friedensplan denke:

Am liebsten wäre mir frisch-fröhlich--multikulturelles Miteinander von Juden und Arabern in einem gemeinsamen Staat Israel oder kombinierten Staat Israel-Palästina.
Aber das scheint zu unrealistisch, denn fernab von UNO-Resolutionen und dem Willen der Konfliktparteien, ist folglich kein Friedensplan.

Deshalb mein Festhalten an Zweistaatlichkeit dergestalt,

- dass der Palästinenserstaat von der UNO überwacht entmilitarisiert wird, allgemeines Schusswaffenverbot mit Ausnahme polizeilicher Erfordernisse,

- dass der Palästinenserstaat in seinen Teilen durch eine Transitstrecke verbunden wird,

- dass Israel die völkerrechtswidrigen Eroberungen (seit 1967) rückgängig macht, die "Siedlungen" entweder unzerstört an den Palästinenserstaat übergibt oder dem Palästinenserstaat übergibt,

- dass Israel Ostjerusalem einer palästinensischen Verwaltung überlässt, ganz gleich, welche Fahnen dort wehen - mit Ausnahme solcher, die dem israelischen Staat das Existenzrecht bestreiten, also nichts wie HAMAS & Co., die es ans Völkerrecht zu gewöhnen gilt.

- Was den Rückkehranspruch von Palästinensern nach Israel anbelangt, fehlt es m.E. an politischen Voraussetzungen dafür, weshalb mir auch die aktuellen Demos der Palästinenser missfallen, weil Rückkehr setzt ein Maß an Versöhnung voraus, wie es auf lange Sicht unwahrscheinlich ist.
Versöhnung setzt die Realisierung der vorgenannten Friedensregelungen weit voraus.
Also eingeschobene Floskel: Erst Frieden, dann Versöhnung. Wer umgekehrt denkt, der träumt oder schwindelt, um nichts zu erreichen.

Aber auch nach Frieden und Versöhnung (Versöhnung i.S.v. Neuanfang) dürfte die Rückkehr so vieler Palästinenser Israel kaum möglich sein, auch nicht Aufnahme im Gaza-Streifen und Westjordangebiet, weshalb überlegt werden müsste, heimatlosen Palästinensern in anderen Ländern Heimat anzubieten.
Insbesondere Deutschland sehe ich in solcher Pflicht daraus, dass Palästinenser durch die von Deutschen verschuldete Shoa in unzulässige Mithaftung gerieten.

Nun mag ich zu fortgeschrittener Stunde mal flapsig sein, zumal ich weiß, dass Herr Seehofer "Obergrenzen" will und Gauland keinen muslimischen Nachbarn. Drum müsste man zunächst für Gauland eine andere Unterbringung finden und dem Seehofer zusagen, dass mit Vollzug der Zweistaatlichkeit fünf Jahre maximal 200.000 Palästinenser pro Jahr zuwandern und ansonsten nur Superhärtefälle, weil besondere Verantwortung für den Nahostfrieden.

Würden mehr Palästinenser migrieren wollen, müssten auch mit Herrn Trump geredet werden, denn die USA tragen viel Mitverantwortung dafür, dass der Nahostkonflikt noch nicht erledigt ist.
Die arabischen Staaten, allen voran Syrien, Ägypten, Jordanien stehen ebenfalls in der Pflicht, vor allem wegen der Kriege, aber sie nahmen auch viele Flüchtlinge auf, die dann sämtlich zu integrieren wären.

Der enthaltene Sarkasmus in eigentlich zu ernster Sache macht dieses Posting zum "weniger offiziellen Dokument" ;-)

@Bast, Du spieltest den Friedensplan-Ball zwar zurück, was ja keineswegs illegitim ist, aber nun sei so nett & skizziere Deinen.


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#30

RE: unfertig

in Sonstiges 06.04.2018 23:08
von Markus Rabanus • 952 Beiträge

@Ralf, du hast zwar ein Feindbild, aber ein Feindbild verhilft ja nicht immer zu richtigen Lageeinschätzungen. Deshalb mal ein paar Thesen, die es im Sandkastenspiel kriegerischer Phantastereien zu beachten gibt, vor allem, wenn es um das "Hätte" geht:

1. Kiew hatte nie wirkliche Option, die sowjetischen Atomwaffen unter eigenes Kommando zu bekommen. Auch keine Nato-Unterstützung dafür, denn die Ukraine galt und gilt bis heute nicht als stabil, folglich auch nicht als verlässlich.
So fällt dein "Hätte" in Sachen Ukraine und Atomwaffen schon mal weg, auch wenn Kiew weiterhin jammert, angeblich und im Vertrauen auf den Westen freiwillig auf Atomwaffen verzichtet zu haben.

2. Dass auch Frau Clinton keine Flugverbotszone über Syrien ausrief, lag nicht am Veto von Putinverstehern, sondern daran,

a) dass man im Westen lange hoffte, die syrische Opposition sei stark genug,

b) die russischen Militärpräsenz, wenngleich für dich vermutlich kein wirkliches Hindernis,

c) es gab dafür kein Weltsicherheitsratsmandat, wie es Obama wichtiger nahm als sein Vorgänger und Nachfolger. Ob du sowat für wichtig hältst, lässt sich deinem Posting nicht ausdrücklich entnehmen, aber immerhin erahnen.

d) Nicht nur du überlegst, auf welche Weise Putin zu einem , wenngleich es vermutlich auch dir nicht so wichtig ist.

mehr als G.W.Bush halten wollte und sich deshalb aus

Insoweit in ukrvielleicht können folgende Überlegungen deine Überlegungen zerstreuenannst du kannst getrost davon ausgehen, dass die Nato nicht bloß deshalb der Krim-Annexion tatenlos zusah


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