#1

Sackgasse Antiamerikanismus

in Friedensforschung.de 22.05.2017 14:50
von Markus Rabanus • 383 Beiträge

@Thomas, der These einer "Neuen Weltordnung" aus gemeinsamer Feder von "Papst, Bush usw." steht zumindest das Zerwürfnis zwischen Vatikan und Weißem Haus des Jahres 2003 (Irak-Krieg) entgegen.

Chaos und Ordnung in unserer Welt hat viele Autoren, die einander mal mehr, mal weniger gewogen sind, so dass die These, dahinter stehe ein alles definierender US-Masterplan, recht kühn ist.

Wäre die Welt mittels solcher These erklärt, lohnt es sich die USA wenigstens mal probeweise für fünf Minuten wegdenken, ob dann bspw. Frieden zwischen den rivalisierenden Glaubensrichtungen des Islam wäre.

"Trump soll ..."? Ist auch dieser Strolch bloß Marionette?
Das mag manchen Wünschen oder Feindbildern entsprechen,
- aber dürfte an den Unkalkulierbarkeiten des egomanischen Trump ebenso scheitern,
- wie Trump mit seinen Politikvorstellungen scheitert.

Indes mag ich unterschreiben, dass sämtliche Idioten dazu neigen, einander gelegentlich Nützliche Idioten zu sein.

Und das können sie auf zweierlei Weise miteinander bewerkstelligen, mal durch Allianzen, mal durch erbittertste Feindschaft.

Kurzum: Es gibt keinen alles definierenden Masterplan, sondern viele rivalisierende Interessen mit entsprechend vielen "Plänen". Aus deren Gesamtheit ist das Chaos.

Nun Zwischenfrage, was realistisch und was nicht.

Metaphern sind riskant, aber mitunter können sie für Veranschaulichung hilfreich sein:

Markus möchte einen Turm bauen, hat aber kein Grundstück und auch nicht in Aussicht. Also plant er den Turm auf einer Wolke, wie sie soeben über Pankow zieht und stabil ausschaut.
Das wäre illusionistisch = "unrealistisch", jedenfalls nach vorläufigem Stand von Wissenschaft und Forschung.

Wowereit & Kumpane wollten einen Flughafen bauen. Das Teil wird irgendwie teurer als geplant und die Fertigstellung irgendwann, sofern es nicht gestoppt werden kann, was mitunter ins Gespräch kommt, aber auch mich nicht zufriedener machen würde.
Sein Plan war unrealistisch, aber die Kosten und Bauzeit verdreifacht vielleicht irgendwann "realisiert". = Realismus hat Bandbreite.

Jahrzehntelang war gefordert, dass die Vergewaltigung in der Ehe strafbar werde. Jahrzehntelang wurde diese Forderung verlacht und von großer Breite der Bevölkerung und Volksvertreter, sogar von vielen Frauen angegiftet.
War die Forderung deshalb unrealistisch?
Nein, sie war vor allem richtig. Heute nahezu allen "selbstverständlich". Und 1997 wurde es Gesetz = Realismus ist zunächst eine Erkenntnissache, sodann hinsichtlich der politischen Konsequenzen davon abhängig, wer und/oder wie viele Leute die Erkenntnis teilen und überdies noch im Willen zur Konsequenz, zumal der Wille schon im Individuum oft andere Wege geht als der Verstand.

Kurzum: Realismus hat allerlei Kontrahenten,
- häufig den Opportunismus, der sich stets besser als "Pragmatismus" vermarktet,
- häufig den Fatalismus, der sich stets darauf berufen kann, dass "es anders kommt als gedacht",
- weit verbreitet den Illusionismus, ob religiös oder sonstig ideologisch, dass Ordnung göttlich oder unnötig sei, indem das Gute dem Bösen weiche,
- während der realistische Ordnungsansatz lautet, das Böse und die Unvernunft nach Vernunftprinzipien ordnen zu müssen,
- und zwar als dauerhafte Pflicht von Politik, solange es Menschheit gibt und ihrer Natur gemäß rivalisierende Interessen.

Sprung:

Politik, zumal wenn es um Krieg geht, bedarf eines Höchtsmaßes an moralischer und politischer Rechtfertigung,
- ist folglich darauf angewiesen, dass es zum Krieg keine akzeptable, möglichst gar keine Alternative gibt.

Zur Rechtfertigung genügt es oft, wenn die Politik sich selbst und hinreichend blödem Volk einredet,
- dass "diplomatische Bemühungen gescheitert" seien
- oder "nichts bringen",
- dass der Krieg nun mal wieder als "ultima ratio" (Gauck) an der Reihe sei, also "Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln" (Clausewitz statt Kant).

Solche Kriegsrechtfertigung erntet zunächst mal den Widerspruch der Gegenseite.
Wir dürfen abwägen, ob uns die Argumente der einen Seite besser als die Argumente der anderen Seite gefallen,
bemerken aber häufig, dass beide Seiten irgendwie nicht bloß ausschließlich gute Argumente bemühen.

So machen sich viele zum Anwalt des vermeintlich Kleineren Übels, worin der Grundfehler liegt, Übel gegen Übel abgewogen zu haben und nicht, wie es richtiger wäre, das Übel gegen das (Völker-)Recht aufzuwiegen.

Und viele Leute inkl. Politiker kennen das Völkerrecht gar nicht erst, wissen nicht,
- dass es seit Inkrafttreten der UNO-Charta universelle Vorschriften gibt,
- die dem Weltsicherheitsrat das Recht und zugleich die Pflicht zuordnen, das Entscheidungsmonopol in allen Belangen der Abwendung oder Befriedung militärischer Konflikte in die Tat umzusetzen.

Ist die UNO-Charta "unrealistisch"?
Weil man sich nicht daran hält?

Ist das Strafgesetzbuch "unrealistisch",
weil sich Richter nicht immer daran halten?

Die UNO-Charta enthält wie vieles andere Gesetz viele Konstruktionsfehler, von denen einige seitens der Autoren gewollt sind, um aus ihren national-militärischen Überlegenheiten Privilegien abzuleiten und zu verewigen.

Einige dieser gewollten Fehler (bspw. die Vetorechte) waren historisch erforderlich, um überhaupt alle Hauptrivalen an einen Tisch zu bringen, denn ohne solch' gemeinsamen Tisch hätten wir heute kein Universelles Völkerrecht = Weltrecht.

Wenn jedoch etwas "historisch erforderlich" war, dann war es eigentlich kein "Fehler".

Sondern Fehler ist, wenn Reformen ausbleiben, die allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht seitens der Privilegierten den Vereinten Nationen aufgedrückt werden,
sondern nur dann eine Chance haben, wenn sich dafür breiteste Unterstützung der Weltbevölkerung entwickelt, organisiert und mobilisiert.

Das wiederum setzt voraus, dass überhaupt begriffen wird, sich von antiquierten Selbstverteidigungsmodellen emanzipieren und das völkerrechtliche Gewaltmonopol der UNO materialisieren müssen.

Viele möchten Frieden, aber kaum jemanden interessiert das Wie. Nicht anders als mit der Demokratie und vielem in allen Lebensbereichen: Das Smartphone soll funktionieren. Auch mich interessiert kaum, wie das Teil im Innern werkelt.

Aber in Belangen von Krieg und Frieden wäre es wichtig, genauere Vorstellungen davon zu haben,
- wenn es den Menschen so wichtig wäre, wie sie es so massenhaft behaupten,
- ob an den Fronten, ob auf der Flucht, im Fernsehsessel oder auf einer Friedensdemo.
Die Taube soll man nicht spotten, aber den Frieden macht sie jedenfalls nicht.

Für das Akute:

Kritik an Trumps 110-Mrd.-Dollar-Deal mit Saudi Arabien kann vielfältig sein, sehr wohl auch moralischer Art gegen das Profitstreben von Rüstungslobbyisten oder pragmatisch, dass Terrorakte schwerlich mit Kampfpanzern zu begegnen ist usw.,
während sich andererseits ausgewachsene IS- oder Taliban-Kampfverbände immerhin nun auch nicht sonderlich gut wegbeten lassen.

Auch ein personell ersatzloser Rückzug Trumps in sein Florida-Domizil würde vermutlich nicht zur Folge haben, dass die selbsternannten Gotteskrieger und deren oft autokratische Gegenüber dann spontan für die Menschenrechte begeistern, denn die Kleptomanie hat massenweise Ursache in unterentwickelten Produktivtalenten und bei den Herrschenden in pervertierten Werteauffassungen.

Dass sich Verbrechen nicht lohnt, ändert sich nicht durch gutes Zureden, sondern nur unter dem Druck der Verhältnisse.

An denen ändert sich nichts, wenn wir bloß in den Abwassern von Interessen schnorcheln, sondern nur im Wege der Erarbeitung wirklicher Alternativen.


LG


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zuletzt bearbeitet 22.05.2017 14:50 | nach oben springen


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